anatomia publica
Offene Bühne für wissenschaftliche, ästhetische und soziale Forschungspraktiken
anatomia publica ist ein Vermittlungsprogramm, kuratiert von TA T – Tieranatomisches Theater, einer Forschungseinrichtung des Zentrums für Kulturtechnik an der Humboldt Universität zu Berlin, das sich auf die Produktion, Vermittlung und Verarbeitung von Wissen konzentriert.
Engagement mit der Geschichte der Institution und Wissensverortung
Der neue programmschwerpunkt von anatomia publica tritt in einen ortsspezifischen Dialog mit der konstruktiven Imagination des historischen Gebäudes, das unsere Institution beherbergt: eine „Wissensarchitektur“ (Wissenstheater), die die Grenzen zwischen Performance und Alltagsleben verschwimmen lässt. Im Zentrum des Gebäudes befand sich ein Aufzug, der vom Vorbereitungsraum zum Anatomietheater führte und eine spektakuläre Inszenierung der Anatomievorlesung ermöglichte. Unterstützt von einer räumlichen Anordnung, die Perspektive, Rahmung und Blick hervorhebt, wurde dieses ehemalige Akademiegebäude für die Veterinärmedizin und heutige Denkmal für eine hybride Gemeinschaft aus Zuschauer*innen und Praktiker*innen entworfen.
Anatomische Theater sind Wissensräume, und mit unserem Programm richten wir uns an eine breitere medizinische und kulturelle Praxis rund um anatomische Ereignisse mit der doppelten Funktion einer Vorlesung und eines theatralisch inszenierten, ritualisierten Aktes. In diesen Räumen fanden Anatomen einen Platz, um vor allem Überblicksveranstaltungen für ein großes Publikum abzuhalten und die Anatomie des menschlichen Körpers in seiner Gesamtheit zu demonstrieren. In einigen Fällen wurde der Fokus auf den performativen Aspekt von anatomia publica gelegt, der als „soziales Ereignis“ und „anatomisches Spektakel“ interpretiert wurde.
Die Vielfalt der Zielgruppen dieser Veranstaltungen wird durch die zahlreichen Einladungen an ein breites Publikum belegt, darunter Ärzte und Chirurgen, aber auch Maler, Bildhauer, Metzger, Schneider und Schneiderinnen oder einfach „alle Liebhaber der Anatomie“. Diese Einladungen (damals auf Latein) gaben der anatomischen Sezierung eine höhere kulturelle und ethische Bedeutung und lieferten eine starke Rechtfertigung für anatomia publica.
In diesem Kontext bezieht sich unsere neu ausgerichtete Einladung an „alle Liebhaber der Forschung“ auf die (fragilen) Lücken zwischen Produktionszeit und Präsentationszeit und versteht diese als fruchtbaren Boden, um Wissensströme zu entfalten, Inspiration zu kanalisieren und das Potenzial für affektiven Austausch sowie die gemeinsame Nutzung von Materialien zwischen wissenschaftlichen und kreativen Wissenspraktiken zu erkunden.
Im Einklang mit der Tradition des Anatomischen Theaters wird sich anatomia publica auf die Sezierung von Wissen konzentrieren – darauf, wie Forschung produziert, gerahmt und präsentiert wird.
anatomia publica ist nicht ledilich eine Präsentationsplattform für abgeschlossene Werke, sondern ein Raum, um mit dem Akt und der Performativität von Wissen selbst zu experimentieren.
Kuratorische Ausrichtung & Vision
anatomia publica stützt sich auf verschiedene konzeptionelle Rahmen, die ihre kuratorische Ausrichtung und Vision prägen. Das Programm beschäftigt sich mit der Idee des Kuratierens als Environmentalism, bei dem der Kurator als Fürsorger fungiert und kollaborative Räume für den Wissensaustausch schafft, die die Grenzen zwischen Produktion und Performance verschwimmen lassen. Es stellt die traditionellen Rollen des Kurators infrage und betont einen offenen und dynamischen Prozess, der kollektive Teilnahme einlädt. Zudem ist das Programm inspiriert von Irit Rogoffs Arbeit zur Deterritorialisierung von Wissen, die den Abbau starrer akademischer Strukturen zugunsten von spekulativem, experimentellem Denken befürwortet, das sich mit drängenden zeitgenössischen Themen auseinandersetzt. Dies steht im Einklang mit der Idee, die Akademie zurückzusetzen, Räume zu schaffen, in denen Wissen außerhalb von vordefinierten Beschränkungen entstehen kann. Gleichzeitig bezieht sich anatomia publica auf den Begriff des Kuratorischen Aktivismus, bei dem die ethische Verantwortung des Kurators darin besteht, Hierarchien zu durchbrechen, marginalisierte Stimmen zu stärken und Multi-Vokalität innerhalb von Institutionen zu fördern. Schließlich umfasst das Programm den Begriff der Forschungsgemeinschaften, wobei der Schwerpunkt auf interdisziplinärer Zusammenarbeit und gemeinsamen Denkweisen liegt, in denen Wissen durch kollektive Forschung hervorgebracht wird und kuratorische Arbeit als Methode der konstruktiven kulturellen Kritik dient. Diese miteinander verbundenen Ideen zielen darauf ab, einen Raum zu schaffen, in dem Wissen ständig neu definiert, seziert und über Grenzen hinweg ausgetauscht wird, neue Perspektiven einlädt und eine Community of Practice (CoP) jenseits traditioneller akademischer Strukturen fördert.
Referenzen
- Ed. Shelley Ruth Buttler & Erica Lehrer (2016): Curatorial Dreams: Critics Imagine Exhibitions. McGuill-Queen’s University Press
- Annie Coombes: Engaging histories, Envisaging Futures. Vortrag während des Symposiums Exhibiting difficult histories – Humboldt Forum, Berlin 19.04.2024
- Julie Ellison (2013) ‘The New Public Humanists” Cambridge University Press, Vol. 128, No. 2 (March 2013)
- ed. Michael E. Gorman (2010): Trading Zones and Interactional Expertise: Creating New Kinds of Collaboration. MIT Press
- Bell Hooks: “Talking Back.” Discourse 8 (1986): 123–28. http://www.jstor.org/stable/44000276
- Maura Reilly (2018): Curatorial Activism, towards an ethics of curating. Thames & Hudson
- Gayatri Chakravorty Spivak: “Righting wrongs”. In Aakash Singh & Silika Mohapatra, Indian political thought: a reader. New York: Routledge (2010)
- Elke Van Campenhout (2013)„Curating as Environmentalism.“ Bureau d’Espoir, Now Performing Arts Network (2016); Turn, Turtle! Reenacting The Institute. Berlin: Alexander Verlag, Oktober 2016. ISBN 978-3-89581-410-5.



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- Paz Ponce: Kuratorin
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